Ein Mann mit Megaphon schreit seine Meinung dem Publikum zu.

Aktivismus – „Viele junge Journalisten verfolgen eine politische Agenda“

München/Berlin – Julia Ruhs bemängelt unter ihren jungen Kollegen einen unprofessionellen politischen Aktivismus, der eine politische Agenda verfolge. Seit 2020 absolviert sie ein Volontariat, also eine redaktionelle Ausbildung, beim Bayrischen Rundfunk in München. Ihre politische Einstellungen bezeichnet sie selbst als konservativ-liberal. „Ein wenig exotisch“ fühle sie sich damit in ihrem Volontärs-Jahrgang. Über ihre Erfahrungen sprach die junge Journalistin mit dem Politik-Magazin „Cicero“.

Journalismus ist kein Aktivismus

Journalismus und Aktivismus sei „ein riesiger Widerspruch“, dennoch gebe es aber „viele junge Journalisten, die ganz offen eine eigene politische Agenda verfolgen“. Das erkenne man an Selbstbeschreibungen in den sozialen Medien wie „Journalistin. Moderatorin. Aktivistin“ und der „leidenschaftlichen Dauerwerbung“ für politische Lieblingsthemen. Ruhs kritisiert: „Wie aber kann so eine Journalistin kritisch über ‚Fridays for Future‘ oder auch Klimaschutz berichten, wenn sie sich selbst als überzeugte Klimaaktivistin versteht? Da fehlt jede Distanz.“ Laut Ruhs missbrauchen viele junge Nachwuchsjournalisten den Beruf, „sich für die ‚gute Sache‘ einzusetzen“. Besonders das Jugendprogramm „Funk“ sieht die Volontärin mit Themen wie Identitätspolitik und Klimaschutz „schon deutlich links der Mitte“. Es richte sich „vor allem an woke, linke Großstädter“.

Es fehlen konservative Journalisten

Die Nachwuchsjournalistin, die an einem Förderprogramm der Konrad-Adenauer-Stiftung teilnahm, schätzt selbst in der CDU-nahen Stiftung acht oder neun von zehn der Nachwuchsjournalisten als „deutlicher weiter links, als es der Stiftung lieb sein kann“. Selbst in politisch eigentlich rechts-konservativen Ausbildungsstätten seien die Konservativen damit in der Minderheit. Ruhs fragt: „Wenn nicht hier, wo ist dann der konservative Journalistennachwuchs?“ Ihrer Einschätzung nach liege das daran, dass konservative junge Leute sich mit BWL oder Medizin meist für Studienfächer entscheiden, die ein gutes und sicheres Einkommen versprechen. Die späteren Journalisten kämen dagegen eher aus dem geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächern, wo mit linken und grün gesinnten Studenten eher „der idealistische Typ“ dominiere.

ARD und ZDF tragen Mitschuld für unseriöse „alternative Medien“

Wie Ruhs sagt, nimmt sie einen Unterschied in der öffentlichen und der veröffentlichten Meinung wahr, also der Meinung einer Mehrheit der normalen Nichtjournalisten zu der von linken Medienschaffenden. Deswegen würden sich einige Menschen vom Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk (ÖRR) abwenden und sogenannten „alternativen Medien“ zuwenden, die „alles andere als seriös sind“ und daher die liberale Gesellschaft gefährden könnten. Allerdings sieht Ruhs für diese Entwicklung beim ÖRR eine Mitschuld.

Mit ihren konservativ-liberalen Ansichten, beispielsweise ihre Ablehnung des Genderns („Beamt*in“, „Schüler*in“), störe sie im Redaktionsalltag hin und wieder die Harmonie in politischen Diskussionen. Jedoch respektierten die Kollegen sich untereinander und diese Diskussionen seien wichtig, um möglichst das gesamt gesellschaftliche Meinungsspektrum abzudecken. Ruhs habe dadurch in ihrem Volontariat gelernt, ihre eigenen Ansichten zu hinterfragen und zu durchdenken. Den Ruf nach „mehr Diversität“ lehnt sie ab, sofern sich „divers“ nur um die Frage des Geschlechts, der Herkunft oder sexuellen Orienterung dreht. „Was bringt eine diverse Redaktion, wenn die politischen Ansichten am Ende trotzdem alle gleich sind? Wenn sich der Blick auf die Welt gar nicht wirklich voneinander unterscheidet?“ Daher bevorzuge sie den Begriff Pluralität, wie er auch im Rundfunkstaatsvertrag steht.

Hintergrund. Im Rundfunkstaatsvertrag heißt es: „Im privaten Rundfunk ist inhaltlich die Vielfalt der Meinungen im wesentlichen zum Ausdruck zu bringen. Die bedeutsamen, politischen, weltanschaulichen und gesellschaftlichen Kräfte und Gruppen müssen in den Vollprogrammen angemessen zu Wort kommen; Auffassungen von Minderheiten sind zu berücksichtigen.“ (§25, Abschnitt 1) Und weiterhin: „Der Programmbeirat hat die Programmverantwortlichen, die Geschäftsführung des Programmveranstalters und die Gesellschafter bei der Gestaltung des Programms zu beraten. Der Programmbeirat soll durch Vorschläge und Anregungen zur Sicherung der Meinungsvielfalt und Pluralität des Programms (§ 25) beitragen.“ (§ 32, Abschnitt 1)

Journalismus als „linker“ Beruf

Journalismus ist bekanntermaßen ein eher „linker“ Beruf. Eine Umfrage unter ARD-Volontären im Mai 2020 zeigte, dass über 90 Prozent der Nachwuchsjournalisten links wählen. Bereits frühere Untersuchungen zeigten, dass viele deutsche Journalisten Grünen-Wähler sind. Auch der im September als ARD-Vorsitzende bestellte Kai Gniffke ist seit 1982 SPD-Mitglied und somit länger in einer linken politischen Partei aktiv als im Journalismus tätig. In einem Schreiben erklärt sich Gniffke zu seiner SPD-Mitgliedschaft: Er erwarte von Journalisten, „dass sie ihre Arbeit nach professionellen Standards machen und dabei die eigene Meinung von der Arbeit trennen“. Diesen Anspruch habe er immer an seine eigene Arbeit gestellt und sei noch nie wegen politischer Blauäugigkeit konfrontiert worden. „Darauf bin ich stolz und dabei wird es bleiben.“


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