Leute mit Brettspiel vorm Kopf

Ein Feature von Christian Albrecht

Hintergrund ist ein Besuch beim Brettspiel-Treff im Nachbarschaftszentrum Niedergirmes (Wetzlar) im Januar 2020, vor den Lockdown-Maßnahmen. (Alle Namen sind frei erfunden.)

„Hey, schau mal her, was ich heute mitgebracht habe!“, ruft Peter und zeigt den anderen seine Schachtel.

„Das ist ja interessant“, antwortet Monika und fragt dann die Runde der sechs anderen Brettspieler: „Habt ihr auch Lust, heute Angeln zu spielen?“

Es ist Januar 2020, ein Freitag Abend. Ort: das Niedergirmeser Nachbarschaftszentrum in Wetzlar. Einmal in der Woche treffen sich in dem Raum, der aussieht wie ein kleines Klassenzimmer, spielbegeisterte Erwachsene zum öffentlichen Brettspiel-Treff und frönen ihrem Hobby. Die Teilnehmer kommen aus allen Gesellschaftsschichten und Altersklassen.

Da ist der während der Corona-Zeit auftragslose freie Journalist Christoph, der etwas Abwechslung wünscht und „nur mal schauen will, was die hier so treiben“. Oder die etwas vorlaute Hannelore mit ihrer rot gefärbten Haarpracht, die gerne vorschreiben will, was heute gespielt wird – und nach welchen Regeln. Man kennt sich hier. Wer einmal damit anfängt, der kommt wieder. Private Freundschaften entstehen in der Regel nicht aus so einem öffentlichen Brettspieltreff. Die Zweckfreundschaft dreht sich um das gemeinsame Spielen. Doch ein weiser Mann soll einmal gesagt haben: „Wenn du einen Menschen wirklich kennenlernen willst, dann spiel mit ihm!“ Womöglich kennen sich die gemeinsam spielenden Peters, Monikas und Hannelores dieser Welt besser als viele andere, die auf ihrer Terrasse bei einem Glas Rotwein tiefgründige Gespräche führen.

Die Gruppe probiert hier alte und bewährte ebenso wie brandneue Brett- und Gesellschaftsspiele aus. So wie das neue Angel-Spiel. Heute wird also in zwei Gruppen entweder geangelt oder es werden Monster totgeschlagen. Drei Männern sind heute da, zwei davon wollen Monster totschlagen. Der Mann Christoph versucht es heute allerdings zusammen mit den Frauen beim Angeln. Entspannung muss sein. Mann kann ja nicht immer Monster totschlagen.

Boom-Branche Gesellschaftsspiele

Trotz Voranschreitens der Digtialisierung unserer Freizeitgestaltung mit Computer- und Videospielen, Filmen und Youtube erfreuen sich gemeinsame Brettspiele seit dem Welterfolg „Die Siedler von Catan“ großer Beliebtheit im Freundes- und Bekanntenkreis.

Spielverlage e.V., ein Verbund der wichtigsten Spielverlage im deutschsprachigen Raum, gibt an, der anhaltende Wachstumstrend für Gesellschaftsspiele sei im Corona-Jahr 2020 noch einmal deutlich gestiegen. Laut Verbund boomt die Nachfrage nach Brettspielen und Puzzles und stieg 2020 um 21 %. Die Kategorien Familienspiele und Erwachsenenspiele wurden sogar um 37 % mehr nachgefragt. „Während Kinos, Theater oder der Restaurantbesuch ausfallen, kann zu Hause, aber auch im Videomeeting, mit Spielen die fehlende Kommunikation ausgeglichen werden und gemeinsam in der Familie viel Freude generiert werden“, mutmaßt Hermann Hutter vom Verbund der Spieleverlage über den Erfolg des klassischen Brettspiels.

Brettspiele gibt es zu allen möglichen Themen: Monster und Fantasie, Angeln und Viren, Familiengründung, Feuerlöschen, Völkerwanderung und Zivilisationsgründung. Beliebt sind auch sogenannte „Exit-Spiele“, bei denen Spieler gemeinsam Rätsel lösen müssen, um voranzukommen. Eines der beliebtesten Brettspiele – passend zum Corona-Jahr 2020 – stammt bereits aus dem Jahr 2008: das für das Spiel des Jahres nominierte „Pandemie“. Die Spieler müssen darin als Gesundheitsexperten gemeinsam eine weltweite Viren-Pandemie aufhalten.

Auch im Niedergirmeser Brettspieltreff ist das Spiel weiterhin beliebt. Denn man spielt hierbei nicht gegeneinander, sondern kooperativ. Alle Spieler sprechen ihre Aktionen miteinander ab, um das Spiel zu besiegen und die Welt zu retten. Nur gemeinsam ist man stark! Die spiel-autoritäre Hannelore mit ihrer rotgefärbten Haarpracht gibt dabei gerne den Ton vor. „Peter! Zieh nach Taipeh und baue dort mit deinem letzten Zug noch ein Forschungszentrum! Monika, du ziehst eine neue Karte und rottest in Lagos die roten Viren-Würfel aus!“ Leute, die militärisch-autoritäre Spielanweisungen geben, nennen Brettspieler “Alfa-Spieler”. Wenn die Viren trotz – oder gerade wegen – Hannelores militärischen Anweisungen schließlich doch die Menschheit ausrotten, sind immer nur die anderen schuld.

Faszination Spiel

Warum faszinieren klassische Brettspiele auch heute noch, trotz modernster Spieltechnik wie Xbox One, Playstation 4 und Nintendo Switch, so viele Menschen? „Computer- und vor allem die bekannten Ballerspiele fördern vielleicht das Reaktionsvermögen, soziale Kompetenzen werden hingegen unterdrückt. Bei einem strategischen Brettspiel ist es umgekehrt: Strategie, Kommunikation und viel Denkarbeit sorgen für Förderung der Entwicklung”, schließt Peter Eggert aus einer Studie des Hamburger Spielverlags Eggertspiele.

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Anders als Video- und Computerspiele fördern laut Staatsinstitut für Frühpädagogik (IFP, München) gemeinsame Brettspiele zwischen Familien und Freunden den Zusammenhalt. „Regelmäßige Spiele-Nachmittage in familiärer Runde sind ein gemeinsames Erlebnis, das die Kommunikation, den Zusammenhalt und das Wir-Gefühl innerhalb der Familie stärkt.“ Die sozialen Kompetenzen wie Kooperationsfähigkeit, Empathie, Selbstbewusstsein werden gestärkt. Die Spieler lernten auch, sich an Regeln zu halten und dass zum Spiel wie zum Leben das Verlierenkönnen gehört.

Kinder von drei bis acht Jahren üben laut IFP „spielend“ Koordination und Geschicklichkeit, Sprach- und Zahlenverständnis sowie Merkfähigkeit. Jugendliche und Erwachsene reiften demnach an Kreativität, taktischer Fähigkeit, Planungklugheit, logischem Denken und sie lernten, Mitspieler besser einzuschätzen. „Das Schönste am Familienspiel ist, daß all diese Fähigkeiten ‚ganz nebenher‘ gefördert werden“, sagt Simone Schall vom IFP.

Öffentliche Spieletreffs wie im Nachbarschaftszentrum Niedergirmes können seit über einem Jahr Lockdown-bedingt nicht stattfinden. Aber sobald die Viren-Zeit mit ihren Corona-Lockdowns vorbei ist, wird es für viele verspielte Leute erneut heißen: „Brettspieler der ganzen Welt – vereinigt euch!“ Denn einen Vorteil haben Brettspiele gegenüber den vereinsamenden Computerspielen: Man starrt nicht gebannt auf eine flackernde Mattscheibe, sondern kann sich gegenseitig in die Augen schauen.

Immerhin sitzen alle gemeinsam in einem Boot, Verzeihung: An einem gemeinsamen Tisch.

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