Spiegel vs The Germanz

Corona-Demo in Wien: Berichte vom „Spiegel“ und „The Germanz“ im Vergleich

Journalistische Medien müssen sachlich berichten und die Menschen informieren. Dazu gehört eine neutrale, wertfreie Sprache. Wertungen beeinflussen die Leserschaft in ihrer eigenen Urteils- und Meinungsbildung. Nur in meinungsbetonten Texten wie in Kommentaren darf der Journalist seine eigene Meinung ausdrücken und begründen. Journalismus soll die Leser informieren, damit sie sich selbst ein Urteil bilden können. Das gilt auch für die Demonstrationen gegen die Corona-Impfpflicht in Österreich am vergangenen Wochenende.

Eine Medienkritik von Christian Albrecht

Im Folgenden vergleiche ich zwei Berichte über die Demo: einmal von „Spiegel Online“ und einmal von der neuen Online-Tageszeitung „The Germanz“. Beide Artikel erschienen am 20. November und sind online ohne Bezahlschranke zu lesen. Die Links zu den Texten finden Sie ganz unten.

Der Titel

Der Spiegel titelt: „35.000 demonstrieren mit Nazis und Querdenkern in Wien“. Der Titel bei The Germanz lautet schlicht: „Zehntausende protestieren in Österreich gegen Lockdown.“ Die Spiegel-Überschrift schreibt, mit wem die Demonstranten vermeintlich zusammen demonstrieren („mit Nazis und Querdenkern“), und erreicht damit beim Leser ein ablehnendes Urteil. Wer mag schon Nazis? The Germanz titelt dagegen, wofür und wogegen die Menschen demonstrieren, also den Grund für den Protest („gegen Lockdown“).

Ob Rechtsextreme tatsächlich die vielen Tausend Demonstranten repräsentierten, bleibt unklar. Der Artikel berichtet dazu nur: „Nach Informationen der österreichischen Nachrichtenagentur APA mischten sich auch bekannte Neonazis und weitere Personen aus dem rechtsextremen Umfeld unter die Teilnehmer der Proteste.“ Es macht jedoch einen großen Unterschied, ob sich unter 35.000 Demonstranten 50-100 Nazis befinden oder 5.000 Nazis, und ob wenige Nazis den Protest anführen oder nur mitlaufen. Gemeinsam „mit jemanden“ bedeutet Solidarität, eines Sinnes zu sein; in einer großen Menschenmenge von 35.000 Demonstranten zusammen zu laufen bedeutet das nicht. Unter einen großen Demozug könnten sich auch unbemerkt einhundert Islamisten mischen, ohne dass die restlichen 34.900 Demonstrationsteilnehmer deswegen Islamisten würden oder einen Islamismus gutheißen müssten oder die Demonstration islamistisch würde.

Der Bericht vom Spiegel Online. Screenshot: spiegel.de

The Germanz berichtet im Gegensatz zum Spiegel erst in der Mitte kurz und sachlich, dass sich bekannte Neonazis unter die Demonstranten gemischt hätten. Der Artikel erwähnt die mutmaßliche Minderheit der Neonazis zwar korrekterweise, bauscht eine Nebeninformation aber nicht zur Hauptsache im Titel auf.

Der Bericht von The Germanz über die Demonstration in Wien. Screenshot: the-germanz.de

Über dem Titel zitiert der Spiegel die Aufforderung: „Körperöffnungen möglichst dicht halten.“ Der Bericht geht allerdings nirgendwo darauf ein, von wem diese Aussage stammt und in welchem Zusammenhang sie steht. Für eine Antwort muss der Leser erst auf den verlinkten Artikel der österreichischen Zeitung „Der Standard“ klicken. Mit der zitierten, albernen Aufforderung macht der Spiegel die Demonstration gegen die Corona-Impfpflicht lächerlich. Aber es kommt noch schlimmer.

„Teaser“: Der einleitende Text

Der Spiegel leitet den Bericht im Teaser mit folgenden Worten ein: „In Österreich haben zahlreiche Menschen gegen die neuen Coronamaßnahmen der Regierung protestiert.“ Das ist eine neutrale, wertfreie Information. Aber darauf folgt: „Impfgegner hatten zuvor gewarnt, der Staat würde aus Hubschraubern und Kanaldeckeln Geheimimpfungen verabreichen.“ Der zweite Satz ist nach dem Titel erneut wertend und drückt aus, wie albern und unglaubwürdig die demonstrierenden Maßnahmenkritiker seien. Der Spiegel macht aus einer Nebeninformation über verschrobenes Gedankengut eine Hauptsache und erwähnt sie bereits im Einleitungstext. Der häufig verwendete Ausdruck „Impfgegner“ impliziert fälschlich eine ablehnende Haltung gegenüber allen Impfungen. „Gegner“ ist eine negativ besetzte Bezeichnung. Wertfrei wäre der Begriff „Impfunwillige“.

The Germanz verzichtet wie auch sonst auf einen einleitenden Teaser-Text und beginnt gleich mit dem Bericht.

Nachrichteninhalt und Wortwahl

Der Spiegel beginnt seinen Artikel mit einer Nebeninformation: Den Infektionszahlen in Österreich. The Germanz beginnt den Bericht mit der Hauptsache, der Demonstration und dem Grund für die Proteste, und berichtet die Infektionszahlen im Sinne vom „das Wichtigste zuerst!“ als Nebeninformation erst gegen Ende des Textes. The Germanz ordnet die im Vergleich zu Deutschland fast dreifach so hohe Infektionszahl in Österreich zusätzlich ein: „Die Lage in den Kliniken blieb allerdings zumindest binnen Tagesfrist weitgehend stabil.“ Der Spiegel informiert darüber nicht.

Beide Nachrichtenportale berichten gleicherweise die Teilnehmerzahl von 35.000 (Polizeiangabe). Beide Berichte zitieren einen Polizeisprecher, der die Stimmung „aufgeheizt“ nannte.

Der Spiegel kommt dann auf seinen Titel zurück und berichtet über Warnungen, die sich in den sozialen Medien unter „Impfgegnern“ verbreitetet hätten: Mit „Sprühimpfungen aus Hubschraubern“ solle „flüssiges Pfizer“ über die Demonstranten vergossen werden, und Mitarbeiter der Stadt sollten aus Kanaldeckeln die Demonstranten heimlich in die Waden impfen. Diese Warnungen belegt der Spiegel mit zwei Twitter-Tweets. Sodann berichtet das Nachrichtenmagazin, wie andere Twitter-Nutzer sich darüber lustig machen: „Viele Nutzerinnen und Nutzer sozialer Netzwerke reagierten mit Spott auf diese Verschwörungsmythen.“ Hier berichtet der Spiegel nur die persönlichen Meinungen unbedeutender Dritter und keine sachlichen Fakten. Welchen Nachrichten- und Informationswert diese persönlichen Meinungen von unbekannten Twitter-Nutzern haben, ist unklar. Weiterhin berichtet der Spiegel hier einseitig nur über ablehnende und spöttische Kommentare. Ob es auch zustimmende oder versöhnliche Meinungen gab, sagt der Artikel nicht. Der Spiegel suggeriert seinen Lesern damit subtil eine vermeintliche Meinungsmehrheit, die diese spöttische Ansicht teilt. Der Spiegel-Artikel kehrt erst am Ende wieder zu einigen sachlichen Fakten zurück.

Achten Sie darauf – Sie finden eingestreute Meinungsaussagen durch Twitter-Tweets inzwischen häufig in der Berichterstattung. Doch der Journalist wählt in seiner subjektiven Auswahl selbst Tweets mit der ihm genehmen „passenden“ Meinung aus. Diese Berichterstattung vermischt eigentlich sachliche, wertfreie Berichte mit wertenden Meinungsbeiträgen.

The Germanz berichtet dagegen nicht über diese vermeintlichen Warnungen vor „Sprühimpfungen aus Hubschraubern“ und heimlichen Impfungen aus Kanaldeckeln. Auch irgendwelche persönlichen Meinungen aus den sozialen Netzwerken werden nicht vermeldet, sondern es folgen bis ans Ende weitere Fakten: Der Lockdown für alle Österreicher ab dem 22. November, die Impfquote von gut 66 Prozent sowie die aktuellen Infektionszahlen in Österreich.

Journalistisches Qualitätsmedium?

Die Online-Tageszeitung The Germanz will die bürgerliche Mitte repräsentieren und beschreibt sich selbst auf der Webseite so: „Was wir uns vornehmen, ist sauberer und seriöser Journalismus. Political Correctness wird dabei weitgehend nicht stattfinden. Wir folgen einem journalistischem Verständnis, das keinen Volkserziehungsauftrag hat, sondern einfach abbildet, was ist. Und dann – getrennt von Nachrichten – die Wirklichkeit kommentiert.“

Im Vergleich zum Spiegel-Bericht über die Demonstration in Wien gelingt es The Germanz, seriös Nachricht von Kommentar, Fakten von Wertung zu trennen. Der Spiegel dagegen vermischt Fakten und neutralen Bericht mit Wertung und Meinung, teilweise versteckt durch persönliche Meinungen von Twitter-Nutzern. Wie unbekannte Twitter-Nutzer faktische Vorgänge bewerten hat aber für den Leser wenig Informationswert und dient subtil der Stimmungsmache. Der Spiegel wertet schon im Titel und Einleitungstext und mit seiner Ausdrucksweise die Demonstranten als „Impfgegner“ und negativ konnotierte als „Querdenker“ ab. The Germanz verzichtet auf wertende Ausdrucksweise und spricht neutral von „Demonstranten“ und „Teilnehmern“. Die Online-Tageszeitung vom Chefredakteur Klaus Kelle schreibt demnach sachlich und distanziert, „was ist“, und berichtet wertfrei die Fakten.

Welchem Nachrichtenportal vertrauen Sie nach dieser Analyse als journalistisches Qualitätsmedium mehr zu, sie sachlich und umfassend zu informieren? Damit Sie sich gut informiert am Ende Ihre eigene Meinung bilden können.


Die beiden Berichte finden Sie hier:

Spiegel-Artikel „35.000 demonstrieren mit Nazis und Querdenkern in Wien“

The Germanz-Artikel „Zehntausende protestieren in Österreich gegen Lockdown“


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